Surfer Toni Wilhelm sieht Außenseiter-Chancen in London

Der Surfer Toni Wilhelm (Württembergischer YC) hatte bei der WM in Australien seine Qualifikation für die Olympischen Spiele wasserdicht gemacht. Über die Feiertage hängte er noch ein paar Tage Weihnachtsurlaub an und blieb auf der momentanen Sommerseite der Erdkugel. Am 11. Januar wird er zurück in Deutschland sein. Die SZ erreichte ihn dennoch in „Down under“ für ein paar Fragen.

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Foto: privat

Herr Wilhelm, wie geht es nach der definitiven Olympiaqualifikation nun weiter?

Toni Wilhelm: Da werde ich ganz schnell wieder ins Konditions- und Krafttraining einsteigen. Ich werde wieder an den OSP Stuttgart (Olympia-Stützpunkt, d. Red.) fahren, um die ganzen physischen Tests zu machen, um aktuelle Werte nach der WM zu haben und um darauf dann mein Training wieder aufbauen zu können. Wir werden uns im Januar auf Kraft und Konditionstraining fokussieren. Wir lassen uns aber die Option offen, spontan nach Südfrankreich zu fahren, sobald die Temperaturen passen, so dass ich auch aufs Brett komme.

Das Problem ist aber, dass das komplette Material von mir noch im Container auf dem Weg nach Deutschland ist. Deswegen wollten wir das auf kurze und spontane Einheiten beschränken, auch damit man ein bisschen Zeit zuhause hat.

Stichwort Material. Wieviele Bretter und Segel haben Sie denn?

Wilhelm: Im Container habe ich jetzt zwei gute Bretter. Dabei wurde mir ja kurz vor der WM ein gutes Brett noch zerstört ...

Wie das?

Wilhelm: Ich hatte neun Tage vor der WM noch einen heftigen Crash mit einem Südkoreaner und der hat mir mein komplettes Brett, mein WM-Brett zerstört. Das war kurz vor der WM noch so ein Negativ-Punkt, weil ich ja auch heftige Prellungen davongetragen hatte. Ich hatte eine Leber-Prellung und mehrere Prellungen am Körper. Das war nicht die optimalste Vorbereitung für die WM.

Hatte die Verletzung Ihrer Schulter im Sommer noch eine Rolle bei der WM gespielt?

Wilhelm: Nein. Aber ich bin über zweieinhalb Monate komplett ausgefallen und konnte nur Kondi-Training machen. Das hat man auch gemerkt, dass mir die Praxis definitiv gefehlt hat, was Manöver anging, was die spezifische Fitness anging. Auch bei der Taktik hat noch ein bisschen Routine gefehlt. Trotz allem war ich im Training sehr fix. Bei dem Pre-Event in Perth mit fast allen Top-Leuten bin ich Vierter geworden. Ich hatte einen brutal guten Speed. Bei der WM hatten wir dann – wie so häufig – Bedingungen, die wir im Training nicht einmal hatten. Ich konnte dann das Potenzial nicht ganz ausspielen.

Welche Regatten stehen vor Olympia noch auf dem Programm?

Wilhelm: Wir wollten ursprünglich gar nicht so viele Wettkämpfe fahren, aber wir haben gesehen, dass ich einfach die Wettkampfpraxis brauche. Ich muss in großen Feldern fahren, um taktisch wieder mehr ins Spiel zu kommen, um mehr Starts mit vielen Teilnehmern zu haben. Weil meine Starts während des Events nicht gut waren – obwohl ich sonst eigentlich ein relativ guter Starter bin. Aber mit schlechten Starts geht halt die halbe Miete schon verloren. Deswegen werde ich die EM mitfahren, im Februar auf Madeira, dann die WM Ende März in Cadiz und dann den World-Cup in Hyères. Anfang Juni ist der World-Cup in England und dann stehen auch schon die Olympischen Spiele auf dem Programm.

Sie sprechen oft von „wir“. Wer ist „wir“?

Damit meine ich meinen Coach Pierre Loquet und mich.

Ab wann werden Sie auf dem Olympia-Revier trainieren?

Wilhelm: Wir werden schon Ende April, Anfang Mai dort sein, wahrscheinlich den ganzen Monat dort trainieren, heimfliegen und für den World-Cup dorthin wieder zurück kommen. Auch nach dem World-Cup werden wir in Weymouth immer Trainingseinheit einschieben. Wir werden sicher im Ganzen zwei bis zweieinhalb Monate da vor Ort verbringen, weil das Revier dort sehr, sehr speziell und auch sehr anspruchsvoll ist.

Was muss man sich unter ‚sehr speziell’ vorstellen? Worauf muss man sich da besonders vorbereiten?

Wilhelm: Zum einen hat man da sehr viel Landeinfluss, den man in die taktische Entscheidung mit einbeziehen muss, aber auch sehr viel Wolkeneinfluss. Das heißt, man muss von allem etwas draufhaben. Eine starke Strömung kommt dazu – es ist sehr vielfältig. Wenn man im Inner-Harbour fährt, hat man Flachwasser mit eben diesen Land-Effekten. Dann gibt es einen Kurs direkt vor der Mole unter einem kleinen Hügel – ein Kurs, der sehr unberechenbar ist. Weiter draußen hat man große Wellen mit starker Strömung, was es technisch auch wieder anspruchsvoll macht. Es ist brutal vielfältig und man muss sich auf alles schnell umstellen können. Deswegen, denke ich, ist es enorm wichtig, dass man da ganz viel Zeit verbringt.

Und was ist Ihr persönliches Ziel bei Olympia?

Wilhelm: Ich möchte definitiv um eine Medaille mitkämpfen. Ich denke, ich habe 2010 mit meinem vierten Platz bei der WM bewiesen, dass ich in Schlagdistanz bin. Ich habe auch 2011 immer wieder zeigen können dass ich da bin, auch wenn ich leider nicht die Kostanz hatte. Beim World-Cup in England war ich bis zum letzten Lauf auf Platz fünf gelegen, bin dann leider durch blödsinniges Surfen auf den elften Platz zurückgefallen. Beim Test-Event in Weymouth bin ich trotz suboptimaler Vorbereitung in die Top-10 gefahren. Wenn alles top läuft, ist auch eine Medaille drin. Das muss da Ziel sein. ‚Dabei’ war ich schon mal – und es geht jetzt nicht darum, irgendwie schöne Olympische Spiele zu verbringen, sondern wirklich Vollgas zu geben und anzugreifen. Ich werde zwar eine Außenseiterrolle haben, aber das hat auch was Gutes, weil der Druck auf den anderen liegt und nicht auf mir.

Interview: Volker Göbner

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